Ich kann mich fast gar nicht mehr daran erinnern, mich das letzte Mal so sehr zu Hause gefühlt zu haben. Es muss um die 15 Jahre her sein, dass ich fort musste, fort von dem Ort, an dem mein Herz ruhte. Es folgten 4 zu bewohnende Mietobjekte, 3 davon in der Stadt gelegen, alle begleitet von einem tiefen „Hier gehörst du nicht hin“-Gefühl und warmer Sehnsucht nach Grün im Bauch.
Dann, im Sommer 2004, begann die Suche nach einem neuen Ort, einem Ort zum Wohnen, zum Arbeiten, zum Wohlfühlen und Durchatmen. Wir haben nicht lange gesucht. Die 83 Quadratmeter, die wir heute bewohnen, die ich ganzherzlich mein zu Hause nenne, fanden wir in Troisdorf. Genauer: Troisdorf Bergheim. Noch genauer: Am Feldrand.
Ich weiß noch, dass mein Herz Zustimmung pochte, noch bevor ich nur einen Fuß in das 8-Parteien-Wohnhaus setzte. Es geriet in helle Aufregung wegen der das Haus umsäumenden Gegend: Da waren sie, die lang ersehnten Weiten, das kräftige Grün, die kleinen Straßen, die wilden Hecken. Dass die Wohnung selber auch noch zu unseren Bedürfnissen passte, als wäre sie geradezu für uns gebaut worden, löste ein wahres Freudengewitter in uns aus. Hier wollten wir fortan nicht nur unsere PCs aufstellen und Körper zur Nachtruhe betten, sondern unsere Beine ausstrecken, keinen Karton unausgepackt lassen und leben.
Seither genieße ich jeden Tag den Weg zum Eingang ums Haus herum, an einem kleinen, brachliegenden Feld vorbei, auf eine riesige Fläche Ackerland zu. Meine Seele baumelt beim Anblick dieser Grünfläche, in der so viel Leben ist. Dieses Stück heile Welt, das mich umgibt und mich spüren lässt, dass ich neben meiner sterilen Arbeit am PC immer noch ständig mit der Natur verbunden bin.
Nie werde ich den Moment vergessen, als wir aus dem Haus traten und mein Freund wie angewurzelt stehenblieb, da vor seinen Füßen ein in dem kleinen Wäldchen rechts gegenüber mit seiner Henne nistender Fasanenhahn ebenfalls wie angewurzelt innehielt, die beiden Mannsbilder einander tief in die Augen schauten, um nur eine Sekunde später mit lautem Getöse voneinander zu weichen.
Überhaupt, Vögel: Hier bekommt man noch viele Arten zu Gesicht, deren Namen ich nicht mehr weiß, weil sie mir in der Stadt nicht mehr begegneten. Auch wenn ich ihre Namen nicht kenne, ich halte inne bei ihrem Anblick, ich erfreue mich an ihrem Gesang, ich lache über die Kapriolen, die sie über meiner Terrasse nur für mich zu schlagen scheinen. Und ich freue mich, dass es direkt hinter dem Haus, in dem wir leben, gleich mehrere kleine Schutzgebiete zwischen den Ackerflächen für sie gibt. Dort können sie in der Ruhe nisten, die auch ich genieße, wenn ich die eine oder andere Stunde auf meiner kleinen Außenanlage verbringe. Gut, seitdem das ökologisch recht bedacht angelegte Neubaugebiet nebenan fertiggestellt und voller Menschen ist, ist es nicht mehr ganz so beschaulich hier, an meiner Ecke Bergheims – aber es bleiben mir viele Momente, in denen ich meinem eigenen Herzschlag zuhören kann, weil der Wind alleine nicht laut genug weht, um ihn zu übertönen.
Für mich bleibt somit unterm Strich eine extra-große Portion Wohlgefühl und innige Liebe zu dem Grün, das mich umgibt. So innig, dass ich gar Geschäftsbriefe mit Grüßen vom Feldrand signiere. Oh ja – ich liebe mein zu Hause, meine Heimat, meinen Feldrand – von ganzem Herzen und solange ich kann.
Solange ich kann … das ist nun keine schwerlich zu bemessene Zeitspanne mehr. Denn vor dem Wäldchen rechts gegenüber, nur 100 Meter Luftlinie von dem Schreibtisch entfernt, an dem ich jetzt diese Zeilen tippe, will die Rewe Handelskette einen großzügig bemessenen Supermarkt bauen.